Michael von der Heide hat mit Hildegard Knef, dieser unvergesslichen Sängerin, Chansontexterin, Schauspielerin und Buchautorin, den schalkhaften, messerscharfen Geist und die Sprach- und Schlagfertigkeit gemeinsam. Beide wissen, was sie singen und singen, was sie wissen. Kein Wunder, liebt Michael von der Heide schon seit langem die brillanten, bissigen Texte der Knef und interpretierte seit Beginn seiner Karriere immer wieder Lieder von ihr.

Am 28. Dezember 2025 wäre Hildegard Knef 100 Jahre alt geworden. Anlässlich dieses Jubiläums widmet Michael von der Heide ab September 2025 der einzigen deutschsprachigen Chansonneuse von Weltformat, die über 300 eigene Texte verfasst hat, sein neues Konzertprogramm «Michael von der Heide singt Knef». Und veröffentlicht zum Tourstart für Fans und Musikliebhaber:innen am 29. August 2025 das gleichnamige Album auf seinem Lieblingstonträger Vinyl sowie in digitaler Form.

In ihren doppelbödigen Texten betrachtete Hildegard Knef das Leben gescheit, ehrlich, lakonisch, (selbst) ironisch, unsentimental und trotz aller Tragik und Melancholie lebensbejahend, humorvoll und ohne erhobenen Zeigefinger: Die ganze Achterbahn des Lebens verpackt in federleichte Lieder. Für das Album hat Michael von der Heide tief im Knef-Fundus gegraben und Perlen aus fünf Jahrzehnten aufgespürt. Die 13 Lieder sind nicht einfach Interpretationen der Originale, sondern Michael von der Heide macht sich die Lieder, die auch heute noch frisch wirken und deren Inhalte immer noch Gültigkeit haben, zu eigen, verändert Rhythmen und Arrangements. Einige Lieder nahm Michael von der Heide erstmalig auf, andere waren bereits auf früheren Alben wie dem 2001 erschienenen, seit langem vergriffenen, von Hildegard Knef gelobten «Hildegard» zu hören, wurden für «Michael von der Heide singt Knef» jedoch aktualisiert und neu eingesungen. Produziert hat das Album Thomas Fessler, gemixt und gemastert wurde es von Oli Bösch.

Das Album fängt passend mit «In dieser Stadt» aus den 60er-Jahren an, dem Jahrzehnt, als die Vinyl-Platte den Tonträgermarkt dominierte. Das Lied handelt von der Sehnsucht, wegzugehen in die grosse weite Welt, weil einen nichts mehr in der Heimatstadt hält und gleichzeitig vom Heimweh, das in allein durchwachten Nächten in der Ferne lauert. In die Ferne, nach Hollywood, zog Hildegard Knef aufgrund ihrer Schauspielkarriere, wo sie auch Marlene Dietrich kennenlernte. Marlene förderte die junge Hildegard und war für sie während Jahrzehnten eine mütterliche Freundin. Deshalb ist auf diesem Album auch der «Slow fox chanté» mit dem Titel «Moi, je m’ennuie» enthalten, den Marlene Dietrich ursprünglich interpretierte. Für seine letzte grosse Broadway-Produktion «Silk Stockings» holte Cole Porter, einer der wichtigsten Autoren des Great American Songbook, Hildegard Knef 1955 als Hauptdarstellerin nach New York. Später nahm Hildegard Knef ein Tribute-Album mit Porter-Songs auf, darunter «I Get A Kick Out of You», der hier in einer deutschsprachigen, mit Wortspielereien gewürzten Adaption mit dem Titel «Nichts haut mich um» zu finden ist.  Was das Gegenüber bei der Protagonistin auslöst, schaffen selbst sieben Gin, Champagner mit Wodka und ein Schuss LSD zum Tee nicht.

Ihre internationale Karriere führte Hildegard Knef auch nach Frankreich, wo sie 1958 in Yves Allégrets Film «La fille de Hambourg» mitspielte, welcher die ernüchternde Wiederbegegnung von zwei ehemaligen Liebenden in Hamburg erzählt. Im dazugehörenden Chanson «Les filles de Hambourg», komponiert vom französischen Chansonnier, Jazz-Trompeter und Schriftsteller Boris Vian, blitzen unruhige Erinnerungs-Bilder auf und lassen stürmische Tage in Hamburgs St. Pauli-Quartier wiederauferstehen: Seeleute, Landstreicher, Obdachlose, leichte Lieben, leere Herzen und verlorene Körper bevölkern die Szenerie, zu den entzauberten Jazz-Klängen aus einem Strassen-Café. Im selben Jahr veröffentlichte Hildegard Knef «C’était pour jouer», das Boris Vian zusammen mit der französischen Chanson-Legende Henri Salvador schrieb. Aus Spass und Spiel, einem erotischen Flirt, wird in diesem Song, in dem sich ein Rhodes-Piano und eine Jazz-Trompete lasziv umgarnen, schliesslich eine Beziehung fürs Leben. Die verführerische, flirrende, flirtende Hildegard Knef findet sich auch in dem souligen «Halt mich fest» wieder, das die kurzlebigen, flüchtigen Augenblicke, die Ungebundenheit und Unverbindlichkeit zwischen zwei Menschen mit dem Bedürfnis nach Nähe thematisiert: «Nichts als ein Sprung ins Nichts / Der uns nichts verspricht / Von Liebe wird doch nie die Rede sein.»

Zwei einsame Seelen begegnen sich in «Ich bin zu müde um schlafen zu gehen». Seit Jahren sitzt er oder sie zur späten Stunde in der Bar, hasst die Stille und Ruhe, liebt den Lärm der schlaflosen Nacht, und spricht auch morgens um vier noch auf das Gegenüber ein, das schon seit langem verstohlen gähnt. Denn: «Alleine das können wir immer noch sein / Zu zweit sind wir niemals gewesen / Wir kennen uns nicht und erkennen uns doch / Sind Schatten der Schatten gewesen.» In «Die Welt ging unter am Zürichsee bei 30 Grad im Schatten» liegt die Stadt blank im Mittagslicht, ein Blatt malt Schatten auf ein Gesicht und jeder ausser der Erzählerin sieht, dass die Liebe starb und die Zeit stillsteht. Untermalt wird dieses Bewusstwerden einer gescheiterten Liebe und die damit verbundene emotionale Leere von harten Drum-Beats, Moll-Akkorden des Pianos und einer melancholischen Trompete. Obwohl auch «Ich gebe alles auf» eine schwierige Trennung thematisiert, ist dieses Lied mit seinen treibenden Bläsern – das einzige, zu dem Hildegard Knef auch die Musik komponiert hat – aus dem Gefühl der Stärke geschrieben. Die Zeichen stehen auf Neubeginn, man will alles aufgeben, die Vergangenheit hinter sich lassen, nichts mitnehmen, auch nicht in Form von Erinnerungen oder Bildern. Man rechnet mit dem Partner ab («Denn so was wie dich gibt’s im Bündel / Zu Preisen, die stark reduziert / Denn so was wie du liegt im Discount / Und wird selbst da kaum geführt») und übt, das ist die Stärke des Liedes, gleichzeitig Selbstkritik («Und so was wie mich gab’s schon immer / Der so was wie dich abonniert»). Ob der Neubeginn wirklich gelingt, steht jedoch in den Sternen.

Die Resilienz und das Durchhaltevermögen des Menschen ist in «17 Millimeter» das Thema. Wie anno damals folgen wir als Erben von Sisyphus geduldig seinen Spuren, rollen den Stein den Berg hinauf, nur um 17 Millimeter vor dem Gipfel tausend Meilen zurückgeworfen zu werden, wieder neu im Tal beginnen zu müssen – und geben trotzdem nicht auf. Denn: «Dass es gut war wie es war, das weiss man hinterher / Dass es schlecht ist, wie es ist, das weiss man gleich.» Hinterher definitiv gescheiter ist die Wanderbirke in «Ich brauch Tapetenwechsel», die sich in der Dämmerung auf den Weg machte, weil sie sich nach frischem Wind um die Krone sehnte, nicht mehr in Reih und Glied im Haine stehen und immer die gleiche Wiese sehen wollte – nur um nach ihrem mentalen Höhenflug im Morgenschimmer durch Försters Beil getroffen zu werden und als Kommode zu enden. Trotzdem lohnt es sich, auf die innere Stimme zu hören und nicht nur mit dem Verstand, sondern vor allem mit dem Herzen zu lauschen und zu verstehen: Dies ist der Rat, welcher die alte sprechende Trauerweide im Lied «Lausche mit dem Herz» an Pocahontas aus dem gleichnamigen Disney-Film gibt. Für Hildegard Knef schloss sich, indem sie 1995 in diesem Hollywood-Film als Synchronsprecherin und Sängerin die Grossmutter Weide verkörpern konnte, ein Kreis.

Nicht fehlen darf auf «Michael von der Heide singt Knef» ihr grösster Hit «Für mich soll’s rote Rosen regnen». Diese Autobiografie in Miniaturform handelt von der der Sehnsucht nach Glück, Freiheit und der Verwirklichung von Träumen, Wünschen und Ambitionen in verschiedenen Lebensabschnitten. Michael von der Heide hat das Lied, in der Originalversion ein schwelgerischer Walzer, in ein neues Arrangement mit viel Swing gepackt. Das Lied könnte seine Geschichte erzählen: Auch er hat im Verlaufe seiner Karriere, nicht zuletzt mit «Michael von der Heide singt Knef», viele seiner Träume und Wünsche verwirklicht. Für ihn regnete es schliesslich nicht nur Rosen, sondern auch Gold. Und wie bei der Protagonistin im Lied ist bei Michael von der Heide der Entdeckergeist, die Offenheit für die Begegnung mit neuen Wundern und der Wunsch, sich fern vom alten immer wieder neu zu entfalten, stets geblieben.